Otto Wagner (1841–1918) zählt zu den international prägenden Persönlichkeiten der frühen architektonischen Moderne. Viele seiner Bauten – darunter die Wiener Stadtbahn, die Postsparkasse und die Kirche am Steinhof – gelten heute als Schlüsselwerke der Architektur des 20. Jahrhunderts. Sie hatten das historische Stilkleid abgestreift und sprachen eine dem „modernen Leben“ adäquate Formensprache, die auf Zweck, Material und Konstruktion beruhte.
In seinem Frühwerk wurde Wagner vom Historismus der Wiener Ringstraße geprägt. Seit den späten 1880er Jahren jedoch kam er – als einziger seiner Generation – zu der Überzeugung, dass diese Architektur im Widerspruch zu den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Dynamiken seiner Zeit stand. Seine Vorstellung von „moderner Architektur“ legte er 1896 in seiner gleichnamigen Schrift dar, die auf großes Echo stieß und heute zu den bedeutendsten und einflussreichsten architekturtheoretischen Texten zählt.
Großen Einfluss erreichte Wagner nicht nur durch seine Bauten, sondern auch durch seine Lehrtätigkeit an der Wiener Akademie der bildenden Künste. Im kreativen Austausch mit den um Jahrzehnte jüngeren Schülern wurde er zum „Vater“ der Wiener Secession; zugleich konnte er mit der „Wagnerschule“ eine ganze Riege moderner Architekten nach seinen künstlerischen Vorstellungen ausbilden und sorgte damit für die Verbreitung seiner Ideen. Sie waren um 1900 so radikal neu, dass sie die Verfechter der Tradition zu vehementem Widerspruch herausforderten. Wagner gefiel sich in der Rolle des Provokateurs, des furchtlosen Vorkämpfers für die Moderne – und er machte sich damit viele Feinde.
In Wagners Engagement für eine konsequente architektonische Erneuerung besaßen Zeichnungen einen zentralen Stellenwert. Mit dem traditionell wichtigsten Medium des Architekten entwarf er eindrucksvolle Bilder einer strahlenden Zukunftsarchitektur, lange bevor die ersten modernen Bauten errichtet wurden. Die kompositorisch raffinierten und technisch aufwendigen Blätter, die im Atelier Otto Wagners unter seiner Anleitung entstanden, zählen heute zu den Meisterwerken der Architekturzeichnung. Sie stehen aber auch am Beginn jener Bildpropaganda für die moderne Architektur, wie sie nach 1918 von den Vertretern des „Neuen Bauens“ vor allem mit den Mitteln der Fotografie fortgeführt werden sollte.
Die Ausstellung in der Tchoban Foundation ist die erste Schau in Berlin zum Werk Otto Wagners. Es ist zugleich das erste Mal seit mehr als 60 Jahren, dass das Schaffen dieses Pioniers der modernen Architektur in Deutschland gezeigt wird. Der Ort ist gut gewählt, spielte doch Berlin für Wagner eine wichtige Rolle: Während seines Studiums an der Bauakademie lernte er das Werk Karl Friedrich Schinkels kennen, dessen Sammlung architektonischer Entwürfe zum Vorbild für seine eigene, höchst einflussreiche Werkpublikation Einige Skizzen, Projekte und ausgeführte Bauwerke wurde. Zudem nahm Wagner am Wettbewerb für den Berliner Dom und das Reichstagsgebäude teil und entwickelte in der Auseinandersetzung mit diesen bedeutenden Bauprojekten des Historismus modellhafte Lösungen für den zeitgenössischen Monumentalbau.
Mit einer Auswahl der bedeutendsten Zeichnungen des Architekten aus der mehr als 1.000 Blätter umfassenden Sammlung des Wien Museums präsentiert die Ausstellung die wichtigsten Stationen und Themen in Wagners Karriere. Der Bogen spannt sich vom kaum bekannten historistischen Frühwerk über spektakuläre Projekte aus dem Kontext der Wiener Secession bis zu den radikalen, vom traditionellen Ornament befreiten Bauten der Spätzeit, die Wagners zentrale Stellung in der Geschichte der modernen Architektur begründeten. Neben Wagners Architektur werden auch kompositionelle und technische Charakteristika der Zeichnungen und ihr strategischer Einsatz als „Waffen aus Papier“ im „Kampf“ um die moderne Architektur thematisiert.
Die Ausstellung wurde von Andreas Nierhaus, Kurator für Architektur des Wien Museums, kuratiert.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.
Leihgeber:
Wien Museum
Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin
Sammlung Sergei Tchoban
Otto Wagner – Architekt des modernen Lebens
Tchoban Foundation – Museum für Architekturzeichnung
Christinenstraße 18a, 10119 Berlin
Ausstellungseröffnung: 30. Januar 2026, 19 Uhr
Ausstellungsdauer: 31. Januar 2026 - 17. Mai 2026
Öffnungszeiten: Mo – Fr: 14 – 19 Uhr, Sa – So: 13 – 17 Uhr
In Kooperation mit: Wien Museum
Unter der Schirmherrschaft von:
Österreichische Botschaft Berlin und Österreichisches Kulturforum Berlin
Unterstützt wird die Ausstellung von der thomas Gruppe und TCHOBAN VOSS Architekten.